Alternative Liebesformen entfachen in der postmodernen, spätkapitalistischen Welt große diskursive Energie. Anders ist es nicht zu erklären, dass Elisabeth Mittendorfers Gesellschaftsreportage Polyamorie: Mehr als einen Menschen lieben in 28 Stunden mehr als 1500 größtenteils kritische Poster auf den Plan rufen konnte. Was hier losbrach, kam einem Shitstorm gegen eine im Modus der unbedarften Deskription erledigte Sozialreportage gleich, die uns in dreist unkritischer Manier eine polyamore Hochglanzwelt vorgaukelt, in der sich Liebe – durch Steigerung der Anzahl der Liebes-Partner – quantitativ maximieren lässt. More lovers = more love also. Die Autorin nimmt, was ihr im Grazer Univiertel von Josef und Dominika aus dem Yogasitz offenbart wird, für bare Münze und affirmiert dadurch eine polynormative Weltanschauung, die argumentativ eher ein langbeiniger Dalischer Elefant als eine sichere Grundlage für ein glückliches Leben ist

Zuallererst muss klar sein: Jeder erwachsene Mensch hat das Recht sein Sexual- und Beziehungsleben autonom zu gestalten und sich im Rahmen einer freiwilligen und von Offenheit & Ehrlichkeit geprägten Verhandlungsmoral partnerschaftlich mit einem anderen Subjekt (♂♂, ♂♀, ♀♀) zu ver-bünden. Die Kooptierung weiterer Subjekte, sei es zu Zwecken der (einmaligen) sexuellen Befriedigung oder Phantasieerfüllung oder – wie eben im Fall der Polyamorie – auch zu potentiell längerfristig der Hauptbeziehung untergeordneten Nebenbeziehungen, ist partnerschaftlich frei verhandelbar.

Liebe und Sexualität haben zweifellos eine befreiende und heilende Dimension. Diese heilende Dimension gilt auch (oder: vor allem) für alternative Beziehungs- und Sexualitätsmodelle, in denen oft persönliche (und kulturelle) Traumata einzelner Individuen zwischenpartnerschaftlich behandelt und bearbeitet werden. Es gibt nicht nur eine Vielzahl sexueller, sondern auch eine Vielzahl beziehungstechnischer Konzeptionen, deren gesellschaftliche Anerkennung als mögliche Ausdruckformen menschlich-libidinösromantischer Lebensenergie mir ein großes Anliegen ist.

Darüber hinaus konzediere ich: Die monogame Zweierbeziehung ist nicht die einzig mögliche und – in manchen transitionalen Lebensabschnitten – auch nicht die praktikable und erstrebenswerte Partnerschaftsform. Polyamore Offenheit will den durch heimliches Fremdgehen in monogamen Paarbeziehungen verursachten Betrug systematisch verunmöglichen. Man könnte Polyamorie als einen sexpositiven Versuch deuten, die bürgerliche Doppelmoral zu überwinden. Diese Überwindung funktioniert aber – wie ich zeigen werde – nicht. Es gibt gröbste Probleme mit der Konsistenz der schönen, neuen Poly- Welt, welche die Autorin aus exotistischer Fasziniertheit unter den Tisch hat fallen lassen. Es folgen fünfmal Analysis und einmal Synthesis:


1. Der non-monogame Naturzustand: von der mononormativen zur polynormativen Weltordnung?

Der Polyamorist ist der Auffassung, dass der Mensch “nicht von Geburt an monogam ist“ und dass uns „die Vorstellung einer exklusiven Zweierbeziehung von diversen gesellschaftlichen Institutionen von Kindesalter an einprogrammiert“ werde. Die polyamore Ideologie konstatiert also einen non-monogamen Urzustand a la Rousseau, der erst mononormativ formatiert wird. Diese Formatierung ist keine als positiv empfundene zivilisierende Kultivierung, sondern ein böser Akt der Destruktion von etwas Ursprünglichem und Natürlichem. Der polyamor empfindende Mensch sieht sich als den edlen Wilden der Sexualität; die Monogamen hingegen betrachtet er als vom kapitalistischen Patriarchat unterjochte Sklaven. Das ist folkloristischer Kitsch! Musikantenstadel für Bobos! Die Polyamorie reetabliert keinen befreiten Naturzustand, sondern will die gesellschaftlich konstruierte Norm der romantischen Zweierbeziehung durch ihr eigenes Alternativkonstrukt ersetzen: Aus der mononormativen Welt soll eine polynormative werden. Die Daseinsberechtigung des polynormativen Konstrukts ist für mich aber nur in einem parasitären Verhältnis zum mononormativem denkbar. Ein Paradigmenwechsel wird nie stattfinden. Er wäre auch nicht progressiv, sondern viel mehr regressiv.


2. Missionierung, Patriarchat light & Monogamie soft

Der Polyamorist ist insgeheim von der Überlegenheit seiner Lebensform überzeugt und glaubt demzufolge auch, dass „Polyamorie bei allen Menschen, die es versuchen, tolle Früchte tragen kann“. Die Missionierung ist für den polyamor veranlagten Menschen über diesen Wahrheitsanspruch hinaus aber schon bei der Rekrutierung neuer Liebespartner von Nöten: aus dem mononormativen Ozean, der seine Poly-Insel umgibt, muss er ein neues Subjekt herausfischen. (Dass es hauptsächlich Männer sind, die ihren Frauen diese Lebensform erklärend ein-führen, könnte man als ein Vorurteil bezeichnen. Es ist aber genauso wenig oder viel ein Vorurteil wie jenes, dass es das Patriarchat gibt (und dass es zugunsten gleichberechtigter Partnerschaft überwunden werden soll). Nur ein Zitat: „Als Josef ihr das Beziehungssystem beim ersten Treffen erklärte, …“)
Es könnte sein, dass es hier die Männer sind, die ihren patriarchalen Besitzanspruch auf die Sexualität der Frau gegen die polyamore Freiheit auf anderwärtige Bedürfnisbefriedigung eintauschen. Könnte es nur? Ist hier aus dem patriarchalen Mann ganz von selbst ein herrschaftsfreier geworden? – Nein, ist es nicht. Da die polyamoren Männer weiterhin das Oberhaupt der Haupt(sic!)beziehung bleiben, haben sie wenig verloren und viel gewonnen. Well played! Man könnte sagen: Polyamorie ist Patriarchat light. Das wäre aber sehr unkritisch. In Wahrheit ist es eine perfide, ausgefuchste Form des Patriarchats; eine postmoderne Variante des Patriarchats sozusagen. Die Behauptung – "Das Eliminieren dieser destruktiven patriarchalen Muster ist wesentlicher Bestandteil unseres Polydaseins" lässt sich folgendermaßen sinnvoll zersetzen: Die Polyamorie destruiert nicht das Patriarchat sondern die (auf romantischen Überzeugungen fußende) Monogamie. Die Monogamie ist nicht per se patriarchal. (Es gibt Beziehungen in denen Frauen nicht nur subkutan vorherrschend sind.) Herrschaftsfreie, partnerschaftliche Verhältnisse zeichnen sich durch ein liebendes, gleichberechtigtes Miteinander aus. Den Shift von der Monogamie zur Polyamorie als antipatriarchalen Befreiungsakt zu inszenieren ist für mich nur narzisstische Grandiosität, der ich nicht auf den Leim gehe. Hier die Analysis: Wer gegen das Patriarchat ist, sollte – notwendigerweise – gegen jede Form von interpersonalen Herrschaftsverhältnissen sein. Den feministischen Menschen, der Sklaven hält, gibt es nicht. Der feministische Mensch kann weder Sadist noch Masochist sein, sondern er muss alle Formen der Beherrschung und des Herrschens ablehnen.
Durch die Differenzierung in Haupt- und ihr untergeordnete Nebenbeziehung(en) zieht sich die Polyamorie als Alternative zur Monogamie genau in diesem zentralen Punkt selbst argumentativ den Boden unter den Füssen weg: Die Polyamorie ist keine wirkliche Nicht- Monogamie sondern eine spezielle Form der Monogamie, eine Art Monogamie soft, bei der sexuell wie emotional untergeordnete Außenbeziehungen geführt werden können. Die Hauptbeziehung selber aber hat – was die sogenannte geistige (denk: unromantisch4 narzisstisch kalkulierende) Liebe und Verbundenheit zwischen den beiden Partnern betrifft – übergeordnet-herrschaftlichen, soft-monogamen Charakter.

Ich postuliere, dass eine wirklich, monogame Beziehung größere romantische Ansprüche an die Liebesfähigkeit der Subjekte stellt: Aus der Keine Lust-auf-Beziehungsstress-Mentalität wird das Wagnis der romantischen Zweierliebe zugunsten einer mehr oberflächlicheren Variante des Zusammenlebens ideologisierend verabschiedet. Die herausposaunte Ideologie ist eigentlich eine Kapitulationserklärung. Nur eine gleichberechtige, herrschaftsfreie monogame Beziehung verwirklicht das Ideal der romantischen Liebe. Die Polyamorie hingegen ist per definitionem niemals herrschaftsfrei: Das Gefälle zwischen Haupt- und Nebenbeziehung ist ein durch und durch herrschaftliches. Die Polyamorie transportiert das patriarchale Machtgefälle zwischen Herrn und Sklaven symbolisch weiter: Die Hauptbeziehung ist dominant (der Mann im Patriarchat); die Nebenbeziehung ist subordiniert (die Frau im Patriarchat).


3. Sind polyamore Beziehungen romantisch? Über das Suchen und das Finden

Die Polyamorie praktizierenden Menschen geben vor, mit mehreren Menschen gleichzeitig in einer andauernden, auf Ehrlichkeit und Engagement beruhenden Liebes-Beziehung zu sein. Manche Polys sprechen davon, dass diese Beziehungen romantische sind, andere wiederum lehnen das ab. Das hängt nicht nur mit der Differenzierung in emotionale und sexuelle Außenkontakte zusammen. Die wirklich entscheidende Frage ist: Können polyamore Liebesbeziehungen wirklich romantisch sein?
Mir scheint, dass der pansexualisierte Zärtlichkeitskult der Polys nichts anderes als die Liebes-Sehnsucht von wundervollen Menschen ist, die zu wenig Liebe in ihrer Kindheit bekommen haben und deshalb die Monogamie (ihrer Eltern) anzweifeln. Weil ihre monogamen Eltern ihnen nicht genug Liebe gegeben haben, müssen sie einfach ein Reservoir, das unerfüllt geblieben ist, auffüllen. Man wird nicht auf Jux und Tollerei polyamor: Hier gibt es immer psychologische Ätiologien. Vielleicht sind es jene von mir gerade beschriebenen. Als Response auf diese psychologischen Ätiologien hat die Polyamorie eine heilende und progressive Wirkung für das Subjekt. Mit progressiv – im Psychologischen wie im Politischen – meine ich transformativ; die natürliche Entwicklung vorantreibend.

Die eigentliche Frage: Sind polyamore Liebes-Beziehungen romantisch? Meine Antwort: Es wäre falsch, diese Frage glatt mit ‚Nein‘ zu beantworten. Ich würde es so sagen: Polyamore Liebes-Beziehungen suchen die Romantik. Genauso wie sie die Liebe suchen. Die Polyamorie ist die dekomponierte Sehnsucht nach der Monogamie. Das ist auch die Erklärung dafür, dass das polyamore Hauptpaar sich soft-monogam vom Nebenpaar abgrenzt. Monogamie-soft ist nichts anderes als Sehnsucht nach romantischer, monogamer Liebe. Für deren Erfüllung fehlt es leider an Mut und an der Bereitschaft, sich ganz auf einen Menschen einzulassen. Ganz aufgeben will man die ‚Liebe‘ aber auch nicht. Dumm gefragt: Was hat der Polyamorist gegen die romantische Monogamie? Und die Antwort ist auch klar: Gegen sie hat er Ängste, vor denen er in eine rationalisierte Ideologie geflüchtet ist. Diese Ideologie ist die Polyamorie. Diese Ideologie zerstöre ich gerade. Nicht allerdings die Praxis der Polyamorie in manchen Fällen. Den gedankenlosen, postmodernen Pluralismus bekämpfen wir wieder einmal mit etwas Normativem, das – wie ich glaube – nichts anderes ist, als die menschliche Wahrheit: Erwachsene Menschen finden die Liebe in romantischen, monogamen Beziehungen.


4. Die Monogamie als praktisches Postulat: Kinder, Verantwortung, Lebensabschnitte, Erwachsensein, Praktikabilität

Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass ich Alternativen zu homo- oder heterosexuellen Monogambeziehungen sowie alternative Sexualpraktiken temporär sehr wohl für progressiv halte. Dann (und nur dann), wenn die Subjekte in ihnen im Begriff sind, das zu werden, was sie sind. Ob das geschieht, kann von außen (denk: ohne Mitgefühl für die Person) schwer eingeschätzt werden. Wer also gegen die Polyamorie voreingenommen wettert, ist ein Moralist und ein Spießer (Synonyme!) und ich will – read my lips – nicht mit ihm in einem Atemzug genannt werden. In einzelnen Lebensabschnitten kann die Polyamorie ein produktives gegen-monogames Sich-Treiben-Lassen sein, in dem das Subjekt sich ausruht von den Forderungen, die die Monogamie stellt. Das kann eine gesunde Pause sein. Aber Pausen dürfen nicht für immer dauern. Hier mein Argument:
Die Monogamie ist ein praktisches Postulat: jeder Mensch hat nur begrenzte Zeit zur Verfügung: Von Montag bis Sonntag. Von in der Früh bis am Abend. Der erwachsene Mensch (denk: nicht der physisch erwachsene) lebt ein verantwortungsvolles Leben: Er muss einem Beruf nachgehen. Von Montag bis Freitag. Von in der Früh bis (fast) am Abend. Danach muss er alleine sein und sich erholen, sich um seinen Lebenspartner (und die gemeinsamen Kinder) kümmern. Hinterher kann er mit seiner Frau/seinem Mann schlafen oder auch nicht. Am Ende: einschlafen. Morgen: aufstehen! Wochenende sind ein bisschen anders: hier kann er sich, wenn er noch die Energie hat, eingehender um seine Familie kümmern, Freundschaften pflegen, gelegentlich mal ein Buch in die Hand nehmen, etc. Alles das geht sich kaum in der in einem einzigen Leben vorhanden Wochen-Zeit aus. Viele monogame Partnerschaften zerbrechen daran! Wie zum Teufel will der Polyamorist mir weismachen, dass er sich nicht nur um einen Partner eingehend kümmern kann – ihn sexuell befriedigen, die gemeinsamen Kinder ökonomisch wie emotional versorgen kann, etc. – sondern um viele? – All day? All night? (…) Jonny, la gente esta muy loca. What the fuck! Der Polyamorist kann kein oben beschriebenes Curriculum Woche für Woche durchlaufen. Er wird ein Teen oder ein Twen sein. Ist er das nicht, dann frage ich mich: „Wovon lebt er?“ – Vielleicht ist er Millionär oder Mami und Papi sind es. Mindestsicherung? Notstandshilfe? Jedenfalls kann er keiner zeitlich determinierten 40-Stunden-Woche + Überstunden + Kind + Frau lieben + Frau/Mann befriedigen + Alleinsein/Entspannen + Freundschaften pflegen + Sport, etc. nachgehen.

UN-MÖEGLICH! Nicht einmal für Menschen, die – wie Obelix – als sie klein waren in den Kokainsack geplumpst sind. Und selbst wenn die Energie grenzenlos wäre, die Zeit ist es nicht.


5. Die quantitative These: Vom Kapitalismus der Seele zum Kapitalismus der Seelen

Die quantitative These des Polyamoristen – wahrscheinlich sein Hauptargument – lässt sich zusammenfassen in der Gleichung: more lovers = more love. Diese Gleichung stimmt nicht nur nicht, sie ist eine Pseudo-Gleichung der folgenden Art: f(♥) = 3. Das menschliche Herz lässt sich ebenso wenig funktionalisieren und quantifizieren wie die Liebe selbst. Die Liebe ist eine Fähigkeit des produktiven Menschen, sich offen auf seine Umwelt einzulassen. (Der Ursprung allen Liebens liegt in der Selbstliebe. Und wir sind nur ein Mensch, oder sind wir das nicht?) Die Liebe ist kein quantifizierbares Objekt. Indem der Polyamorist sie quantifiziert zeigt er seinen aggressiv-patriarchalen Narzissmus. Er nimmt sich selbst nicht ernst; er spielt mit anderen Menschen, genauso wie mit sich selbst. Weil es sich selbst so behandelt, behandelt er auch jedes Du als coin-operated boy (Dresden Dolls). Der in offizieller Monogamie lebende Fremdgeher geht heimlich fremd und betrügt. Der Polyamorist ist schlauer: Er tut sich diesen Stress nicht an. Er erhebt gleich die entfremdeten Liebes- Verhältnisse des monogamen Fremdgehers zu seiner Ethik. Wäre ich ein bildungsbürgerlicher Moralist, dann würden ich mit Kommando Elefant sagen: Die Liebe des Polyamoristen ist zwangsläufig ein Arschloch-Solo, egal, mit wem er schläft und wen auch immer er vorgibt, zu lieben. Leute wacht auf: Der gute Sex ist nicht nahe sondern fern! Guter Sex braucht ein Du und eine liebend-leidenschaftliche Bezugnahme auf das Du. Sportficken ja, guter Sex nein. Die Polyamorie ist nicht tantrisch-religiöse Vereinigung, sondern ein solo Mindfuck. Seine zur Ideologie erhobenen polyamorous ethical Sluttiness kann mich nicht täuschen. Sie ist eine Mimikry. Ich bin aber kein bildungsbürgerlicher Moralist.

Die These des Polyamoristen, dass Liebe quantifizierbar ist, ist gerade eben keine Überwindung kapitalistisch-patriarchaler Verhältnisse, sondern ihre Einzementierung. Der Kapitalismus kann nur im Respekt und im liebevollen Miteinander von zwei Menschen überwunden werden. Der Polyamorist instrumentalisiert seine Liebes-Objekte. Freilich: er instrumentalisiert sie nicht nur, sondern versucht auch ihnen ‚gerecht‘ zu werden. Diese Gerechtigkeit ist aber immer nur eine Pseudo-Gerechtigkeit. Ebenso wie diese Form der Liebe, immer nur eine Pseudo-Liebe bleiben muss, denn letzten Endes meint es der Polyamorist niemals so ernst mit einem Partner, dass er bereit wäre, ihm all seine Liebe zu geben und ihn ganz zu lieben. Wirkliche Liebe, die nicht nur als Sehnsucht nach sich selbst existiert, ist aber immer ganz. Halbe Liebe ist keine Liebe. Indem der Polyamorist seine Liebe auf mehrere Menschen aufteilt, zerstört er sie. Wäre ich ein Schlagersänger, würde ich singen: Er zerbricht ein Herz. Sein eigenes!

Jedenfalls: Der Polyamorist ist der Kapitalist par excellence. Er entfremdet sich von sich selbst und entfremdet damit andere. Es gibt im polyamor-kapitalistischen System Herren und Sklaven – Haupt- und Nebenbeziehungen – und alle ringen miteinander und gegeneinander um eine Ressource, die auf der Wall Street ‚Geld‘ heißt, und in der Polyamorie: ‚Liebe‘. Das ‚Geld‘ auf der Wallstreet lässt sich nicht in das Glück der Menschen übersetzen. Ebenso wenig wie die ‚Liebe‘ des Polyamoristen. Sie ist nämlich eine ‚Liebe‘ und keine Liebe. Sie ist Pseudo-Liebe.

Dem kritischen Leser wird auffallen, dass der Autor ein wichtiges Thema weggelassen hat: eine positive Bestimmung von Liebe und Treue. Das ist intendiert. Mein Artikel besteht aus zwei Teilen: Aus dem, was hier geschrieben steht, und aus alledem, was ich nicht geschrieben 8 habe. Der zweite Teil umfasst die wirkliche Liebe und daher auch die Treue. Über die Treue und die wirkliche Liebe kann man nicht sprechen. Treue und Liebe kann man nicht einfordern. Der Leser kann ihre Definition deshalb auch nicht von mir einfordern. Der Leser muss selber dorthin finden. Ich will nur der Spiegel sein.


6. Synthesis

Alles in allem kann sich der Mittendorfersche Text nicht gegen den Verdacht erwehren, dass hier eine historisch (bereits Anfang der 70er Jahre) ausrangierte Sexualalternative in einem berufsjugendlichen Neo-Hippietum aus Boboistan wiedergeboren wird. Erich Fromm hat der westlichen Konsumgesellschaft – nicht zu Unrecht wie ich meine – eine Unfähigkeit zu lieben konstatiert. Sich selbst und andere zu lieben, ist eine Kunst, die mühevoll erlernt und kultiviert werden muss. Es drängt sich einem der Verdacht auf, dass die Pluralisierung der Liebes-Verhältnisse nichts anderes ist als eine Flucht davor, sich ganz auf einen Menschen einzulassen und in dieser intensiven Widerspiegelung mit einem einzigen Menschen, die eigene Identität und Liebesfähigkeit zu entwickeln.
Freilich wird der polyamore Mensch mir an diesem Punkt entgegnen, dass man in der Poly- Welt eben plural widerspiegelt und in den Transaktionen mit mehreren Partnern die eigene Persönlichkeitsentwicklung vorantreibt. Wie eingangs erwähnt, glaube ich, dass das für gewisse Lebenskonstellation temporär schlüssig sein kann. Wenn es jedoch darum geht, ein Erwachsenenleben mit beschränkten Zeitressourcen für intime Begegnungen zu führen, wenn man gemeinsame Kinder plant oder der Auffassung ist, dass sich intensiv auf eine Person einzulassen erfordert, sie – genauso wie einen selbst – mit all der Kraft der eigenen Seele zu lieben, dann konvergieren alle aus dem Es stammenden heterogenen Impulse ins heuristische prinzip der Monogamie.

Wenn für den Polyamorist die Liebe zu einem Menschen nicht funktionieren kann (Er lehnt die Monogamie ja ab), wie soll dann die Liebe zu mehreren funktionieren können? Wenn die monogame Beziehung(sarbeit) für den Polyamoristen nicht das Gelbe vom Ei ist, wie kann es dann die polyamore, also jene zu mehreren Menschen, jemals sein?

Ich sehe hier mehr als nur Berührungspunkte zum mit Ausnahme des „ebenerdige[n] Doppelbetts in der linken Ecke des Raumes“ unmöblierten Hauptzimmer im Grazer Univiertel: Wer so viel liebt und so viele liebt und immer wieder seine eigene Liebes-fähigkeit hymnisch herausposaunt, stellt sich bei mir in den Verdacht, eher ein verzweifelt Suchender zu sein, als jemand, der wirklich Liebe gefunden hat. „Es hilf einfach nichts, in Wahrheit gibt es nur ganz oder gar nicht“, heißt es bei STS: Jeder Mensch ist trotz interner Differenzierungen fundamental ganz, fundamental eins. Wer noch nicht eins mit sich selbst ist, dem wünsche ich es.

Wenn Menschen Schwierigkeiten damit haben, mit etablierten gesellschaftlichen Werten in Einklang zu leben, dann ist nicht immer die Aufgabe dieser Werte die richtige Strategie. Wer sich hier als aufklärerischer Prophet des neuen Reichs der Freiheit gibt, ist leider sehr oft ein vor seiner eigenen Verantwortung flüchtender Feigling. Man könnte sich auch einfach einmal anstrengen im Leben. Jede alleinerziehende Single Mutter, die sich von Montag bis Sonntag von 6.30 bis 22.00 abstrampelt, um ihr Kind zu erziehen und einen Beruf oder ein Studium zu bewältigen, weiß, was es heißt, sich anzustrengen. Sich ganz auf eine Person einzulassen erfordert Mut, Hingabe und Standfestigkeit. Der postmoderne Narzisst will aber von Anstrengungen dieser Art nichts wissen; nicht einmal, wenn es um sein eigenes Lebens- und Liebesglück geht. Hier ist nichts radikal Individuelles und Befreiendes am Werk, wo der einzelne zu sich selber kommt – wie uns weisgemacht werden soll – sondern pure Selbstverlorenheit.

Als einen Kritiker dieser von manchen (vielleicht schwachen) Menschen wohl als Entlastung empfundenen, postmodernen Gedanken-losigkeit, wünsche ich mir, dass die heutigen Menschen weniger in die Breite konsumieren und mehr in die Tiefe denken und fühlen. Ich wünsche mir mehr Wittgensteinsche Arbeit an sich selbst und damit an der eigenen Liebesfähigkeit, mehr Kantische Disziplin und weniger Rotation von Bedürgnisbefriedigungsobjekten im Beziehungspark. Polyamor in die Breite zu lieben ist meiner Ansicht nach ein durch und durch konsumistisches Unternehmen, das bei genauem Blick viel weniger liberatorisches Potential hat als jener Spießer imaginiert, der sich das aufregende Leben, das er nicht hat, herbei wünscht. Meiner Ansicht nach ist Polyamorie eben nicht eine links-progressive Alternative zur bürgerlich-monogamen Zweierbeziehung, wie uns von J., D. und E.M. vorgegaukelt wird, sondern ein inkonsistenter, konsumistischer Narzissmus, der patriarchale Muster bestätigt, anstatt sie zu dekonstruieren.
Der Gedanke der Glückmaximierung durch Partnerpluralisierung ist nichts anderes als eine narzisstische Neuinszenierung des dem Kapitalismus innewohnenden Prinzips der Profitmaximierung. Liebe lässt sich aber niemals quantifizieren oder objektivieren, weil sie die innere Fähigkeit des Subjekts ist, sich produktiv auf sich selbst und seine Mitmenschen zu beziehen.
Die Liebeskonzeption der Polyamorie ist antihumanistisch: sie rebelliert gegen ein romantisches Ideal an dem ihre Verfechter gescheitert sind und ergibt sich mittels eines gigantischen Akts des Selbstbetrugs und der Selbstaufgabe dem (neo-)liberalen Dogma der Quantifizierung von etwas, das sich eigentlich gar nicht quantifizieren lässt: Liebe. Analog dazu lügt uns der zur Religion erhobene Kapitalismus vor, dass sich unser Glück quantifizieren lässt, indem wir Waren konsumieren. Die Waren des Polyamoristen sind narzisstische Objekte. Der Polyamorist ist ein homo oeconomicus.
Am offenkundigsten wird diese durch und durch konsumistische und narzisstische Herangehensweise an den Menschen, wenn D. davon spricht, dass ihr Freund ja keine „eierlegende Wollmilchsau“ sei. Der Liebespartner wird als Bedürfnisbefriedigungstier dargestellt, von dem es utopisch wäre anzunehmen, dass es einem „alle Bedürfnisse (…) befriedigen kann“. Weil jeder potentielle Partner eben der konsumistischen Totalforderung, alle Bedürfnisse befriedigen zu können, notwendigerweise nicht genügen kann, ist es opportun, andere Nebenpartner hinzuzuziehen. Schließlich wolle man Abwechslung und wer will schon etwas versäumen? Ich sehe hier keine Liebe, sondern nur Narzissmus. Und Narzissmus ist das Gegenteil von wirklicher Liebe. ←Es kommt darauf an, diesen Satz zu verstehen!


7. Conclusio

Jeder Mensch, der denkt und fühlt, polyamor leben und lieben zu müssen, soll dies tun! „If you find a new way, you can do it today“, singt Cat Stevens. Jeder Mensch soll seinen eigenen Weg im Labyrinth des Lebens gehen. Es gibt aber auch Sackgassen. Ja, es stimmt: manche müssen zu Ende gegangen werden. Manchmal kann man aber bei genauem Hinsehen die Wand erkennen, gegen die der eigene Kopf stoßen wird. Der Anspruch des denkenden Menschen bei Kant ist es, sein Leben zu gestalten und seine eigenen Ziele und Wünsche konstruktiv zu realisieren. Aufgrund der Tatsache zeitlicher Limitationen für gewisse Lebensprojekte (Kinder, etc.), scheint es mir geboten, den Verstand walten zu lassen, anstatt sich bloß passiv treiben zu lassen. Um mit anderen Menschen glücklich zu sein, ist es notwendig, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Wer sich aus fehlender Selbstliebe konsumistisch den Mund vollstopft, wird am Ende viel weniger satt und glücklich werden als jener Mensch, der mit sich selbst ringend zu einer tieferen Form der Selbsterkenntnis findet.

Ich wünsche jedem Menschen ein intensives, vor allem aber ein liebe-volles, Leben. Wo diese Fülle zu suchen ist, soll jeder Mensch – in jedem Lebensabschnitt – für sich selbst entscheiden. Wer meine Worte nicht gegen den Strich liest, wird sehen, dass sie alle Menschen umarmen; vor allem meine polyamoren Freunde. Namaste! Der Mensch scheint weder für Polyamorie noch für Monogamie geschaffen zu sein. Der Mensch ist überhaupt nicht geschaffen. Er schafft sich selber. Er muss es selber schaffen! Ich wünsche euch allen viel Glück dabei! Omnia vincit amor!

Für Feedback oder (monogame) Heiratsanträge erreichen Sie den Autor unter: pascalwitt@hotmail.com (Ein herzliches Danke geht an Dominique Z. in die Schweiz!)
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Michael Maurer

Der Autor ist ein Bauer aus Kärnten, der an der University of Southampton Philosophie unterrichtet hat und an seinem PhD über den späten Wittgenstein arbeitet. Seit seiner Rückkehr aus England lebt er in Wien und in Kärnten und engagiert sich auch politisch.


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